Artikel auf nachrichten.at lesen >
Weltspiegel

Schweden überzeugt von Corona-Strategie: "Profitieren jetzt viel davon"

Von nachrichten.at/apa   08. September 2020 21:24 Uhr

Malmö am 5. April 2020

STOCKHOLM. Die Quote der Positiv-Tests in Schweden ist auf den niedrigsten Stand seit Ausbruch des Virus gefallen.

In der vergangenen Woche wurden die Tests nach offiziellen Angaben auf den Rekordwert von mehr als 120.000 hochgefahren. Nur 1,3 Prozent fielen positiv aus.

Im Frühjahr hatte das Niveau noch über Wochen um die 19 Prozent gelegen. Nach Ansicht mancher Experten zahlt sich nun die heimische Strategie aus, durch die sich die Ansteckungsrisiken mittlerweile verringert hätten.

Schweden fährt in der Corona-Krise einen eigenen Kurs, der auch im Ausland unter scharfer Beobachtung steht und mitunter heftige Kritik auslöst. Die Regierung hat auf einen Lockdown verzichtet und setzt stattdessen auf die Eigenverantwortung der Bürger sowie auf Abstandsregeln und ein gutes Hygieneverhalten. Die Idee dahinter ist, sich auf eine Verlangsamung der Virus-Ausbreitung zu konzentrieren, da sich der Krankheitserreger ohnehin nicht ausrotten lasse.

Deutlich mehr Todesfälle

In Schweden sind bisher mehr als 5.800 Menschen gestorben, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Die Pro-Kopf-Totenzahl liegt damit deutlich höher als in anderen nordeuropäischen Ländern. Sie ist zugleich aber niedriger als in Italien, Spanien und Großbritannien, wo es Lockdowns gab. Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben das schwedische Modell als nachhaltig gelobt.

Der Chef der schwedischen Gesundheitsbehörde, Johan Carlson, sagte, die heimischen Richtlinien seien einfach zu verstehen und für einen längeren Zeitraum gedacht. Die Bevölkerung habe sie inzwischen verinnerlicht. Das Land hat nun die geringste Ausbreitungsrate in Skandinavien. In Spanien und Frankreich ziehen die Positiv-Tests wieder an, nachdem die dortigen Lockdown-Maßnahmen beendet wurden.

"Unsere Strategie war konsequent und nachhaltig. Wir haben wahrscheinlich ein geringeres Ausbreitungsrisiko als andere Länder", sagte Epidemiologie-Professor Jonas Ludvigsson vom Karolinska Institutet. Schweden dürfte seinen Worten zufolge nun eine höhere Immunität in der Bevölkerung haben als die meisten anderen Länder. "Ich glaube, wir profitieren jetzt viel davon", betonte Ludvigsson.

  • Lage in Österreich: Am Dienstag hat das Gesundheitsministerium 520 Neuinfektionen vermeldet. Ein einmaliger Peak oder ein steigender Trend? Anschober kündigte eine Prüfung an
Mehr anzeigen

Großbritannien: Höchster Stand seit Ende Mai

Die Zahl der Corona-Infektionen ist in Großbritannien wieder deutlich angestiegen. In den vergangenen Tagen gab es jeweils fast 3.000 bestätigte Neuinfektionen pro Tag, wie aus den offiziellen Zahlen der Regierung von Dienstag hervorgeht. Das ist der höchste Stand seit Ende Mai.

Derzeit stecken sich vor allem junge Menschen mit dem Virus an. Das erklärt auch den bisher niedrigen Anstieg der Todesfälle, da Covid-19 bei Jüngeren oft glimpflicher verläuft. "Töte nicht deine Oma, indem du dir das Coronavirus einfängst und sie ansteckst", warnte Gesundheitsminister Matt Hancock im Sender BBC und appellierte an die Briten, Abstands- und Hygieneregeln weiter einzuhalten und sich nicht in größeren Gruppen zu versammeln.

Experten sehen die Zahlen mit Sorge und warnen vor einer zweiten Welle. "Die Menschen haben sich zu sehr entspannt", sagte der britische Epidemiologe und Gesundheitsberater Jonathan Van-Tam der BBC. Auch ein Sprecher der Weltgesundheitsorganisation WHO sagte dem Sender Sky News, er rechne mit weiteren Spitzen der Fallzahlen in Großbritannien.

Zuletzt hatte die Regierung die steigende Zahl der Infektionen häufig mit der hohen Anzahl an Tests erklärt, die mittlerweile durchgeführt werden. Zuletzt waren es mehr als 175.000 pro Tag. So können mehr Infektionen tatsächlich als solche erkannt werden als noch im Frühjahr. Allerdings gab es zuletzt auch immer wieder Corona-Ausbrüche, etwa bei illegalen Partys, Fußballspielen oder in einer Schule.

Bei den Tests scheint zudem das Limit erreicht zu sein. Die für das Testmanagement zuständige Sarah Jane-Marsh sagte Sky News, die Labore hätten einen "kritischen Punkt" und die Kapazitäten müssten dringend ausgebaut werden. Auf die vergangenen sieben Tage gerechnet hat die Zahl der Fälle in Großbritannien die kritische Schwelle von 20 Fällen pro 100.000 Einwohner überstiegen. Für Einreisende aus Regionen mit einer höheren Infektionsrat verhängt die britische Regierung eine zweiwöchige Quarantäne. Gesundheitsminister Hancock wollte am Dienstag über neue Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionen informieren.

Wieder Anstieg in Italien

In Italien ist die Zahl der Neuinfizierten mit dem Coronavirus innerhalb von 24 Stunden wieder gestiegen. Von Montag auf Dienstag wurden 1.370 Neuansteckungen gemeldet, nach 1.108 am Vortag. Zehn Personen starben binnen 24 Stunden nach einer Infektion mit SARS-CoV-2, am Vortag waren es zwölf gewesen.

35.563 Menschen sind seit Ausbruch der Epidemie in Italien am 20. Februar mit oder am Coronavirus gestorben. Die Zahl der noch aktiven Fälle lag bei 33.789, jene der in Spitälern behandelten Covid-19-Patienten stieg von 1.719 auf 1.760. Auf der Intensivstation lagen am Dienstag 143 Patienten, am Vortag waren es 142. In Heimquarantäne befinden sich derzeit 31.886 Menschen.

In der Region Lombardei, der am stärksten von der Pandemie betroffenen italienischen Region, gab es am Dienstag zwei Todesopfer. Die Zahl der Verstorbenen stieg somit auf 16.888. 271 Neuinfizierte zählten die dortigen Behörden. Die Zahl der Covid-19-Erkrankten in den lombardischen Spitälern betrug 248. Zu ihnen zählt auch der italienische Premier Silvio Berlusconi, der seit Donnerstagabend wegen seiner Covid-19 Erkrankung in der Mailänder San Raffaele-Klinik liegt. Auf Intensivstationen lagen in der Lombardei 27 Patienten, einer mehr als am Vortag.

Deutschland: Viele Ansteckungen im Ausland

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben innerhalb eines Tages 1.499 neue Corona-Infektionen gemeldet. Dies gab das Robert Koch-Institut (RKI) am Dienstag auf seiner Homepage bekannt.

Aus den Daten des RKI-Lageberichts geht hervor, dass sich von den vom 31. August bis 6. September erfassten Infizierten, bei denen eine Angabe zum Infektionsland vorliegt, 32 Prozent wahrscheinlich im Ausland ansteckten. Dem aktuellen Bericht nach wurden auf vier Wochen betrachtet am häufigsten Kroatien, der Kosovo, die Türkei, Bosnien und Herzegowina sowie Spanien als wahrscheinliche Infektionsländer genannt.

Seit Beginn der Corona-Krise haben sich nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) mindestens 252.298 Menschen in Deutschland nachweislich mit dem Virus SARS-CoV-2 infiziert (Datenstand 8.9., 0.00 Uhr). Bis Dienstagfrüh hatten etwa 226.500 Menschen die Infektion überstanden. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion liegt bei 9.329. Seit dem Vortag wurden vier weitere Todesfälle gemeldet.

Mehr anzeigen
Kommentare Meistgelesen Zur Startseite